Dienstag, 28. Juni 2011

Der Moment, als ich dich traf

Die Seligkeit eines Augenblicks verlängert das Leben um tausend Jahre.

Ich hatte erstmal genug von den Touren auf den Motorrädern, den holprigen Straßen und der rasanten Fahrweise meiner Tico-Frenude.
Gestern Abend dachte ich noch: "Einfach mal die Klappe halten, wenn du keinen Plan hast, Mädchen!"
Voher sollte ich denn bitte wissen, wie das Wetter in Costa Rica in den nächsten 4 Tagen sein sollte? Bin ich eine Wetterfee oder was?
Ich krallte mich fester um mein Imperial-Bier, um nicht loszubrüllen. Schnepfe.
Wir saßen eigentlich wie jeden Tag in der Malibu-Bar bei mir um die Ecke. Gott sei Dank lebte meine Familie nicht weit von der Bushaltestelle, sowie von unserem täglichen Treffpunkt aus entfernt. Jeden abend Imperial. Kein Wunder, dass sich mein kleiner Schwabbelbauch nicht verabschiedete. Aber was soll's... Ich war braungebrannt wie ein kleines Hühnchen, das grad aus der Pfanne sprang und fühlte mich lebendig, wie nie zuvor.
Dieses Land, dieses freie Leben hatte mich total verändert.
Noch vor drei Tagen, saß ich mit drei meiner Mädels und unseren drei Tico-Freunden auf einem Berg in Barba. Nachts. Vor uns erstreckte sich ein Meer aus kleinen Lichtern. Links San José, mittig Alajuela und rechts von uns Heredia. Es war ein einmaliger Anblick. Der seichte Nachtwind strich über unsere Haut, wir legten uns in das Gras und genossen den Moment.
Cesar holte seine kleine Pipe hervor und wir rauchten. Kleine Kringel und dicke Rauchschwaden zeichneten sich in die Luft. Ich sah meine neuen Freunde an und lächelte. Diese Menschen nahmen einen so wie man war und sofort in ihr Herz auf. Ich liebte es einfach hier zu sein!
Als Elise pullern musste, hüpfte sie hinter eine Mauer. Diego sah ihr nach und sagte dann zu Cesar: "Hast du ihr gesagt, dass sie auf die Schlangen aufpassen muss?"
Diego sah verdammt gut aus. Er hatte markante Gesichtszüge und einen kleinen Ziegenbart.
Cesar sprang auf, strich sich seine langen Haare aus dem Gesicht und rannte Elise hinterher.
Alles ging gut.
Nach einer Weile setzten wir uns wieder auf die Motorräder und fuhren bergab nach Hause.

Wir planten unser Wochenende. Elise, Miri, Elli und ich beschlossen hier zu bleiben. Wir wollten uns einen nahegelegenen Vulkan anschauen. In Cartago - den Irazu.
Erst vor ein paar Tagen saß ich am Tisch meiner Gastfamilie, aß Gallo Pinto (Reis mit Bohnen, so wie immer), als ich dachte, mir sei plötzlichen ganz duselig. Allerdings war das ein kleines Erdbeben. Ich wollte unbedingt sehen, wie es war, in der Nähe eines Vulkans zu sein.

Allerdings war das Wetter an jenem Tag so schlecht, also das heißt, so bewölkt, dass es schier unmöglich war, einen guten Blick auf den Irazu zu erhaschen. Man sagt, dass man beide Ozeane sehen kann, wenn man oben ist, aber bei dem Wetter würde man nur eine Wolkensuppe zu Geischt bekommen.
Also besuchten wir in Cartago die Ruinen und eine Kirche, bevor wir uns mit Muffins bewaffnet wieder auf den Rückweg nach Santa Barbara machten.
Wir waren viel früher da, als geplant und beschlossen, uns ein Bier, ein Imperial zu kaufen und uns in den Park zu setzen.
In den Park?! Elise! Die Worte meiner Gastmutter hallten in meinem Kopf nach: "Bei Tag und bei Nacht sehr gefährlich!"
Aber da Elise hier schon öfters gechillt hatte, dachte ich mir nichts dabei, verstaute meine Digicam-Speicherkarte in meinem BH und setzte mich mit den Mädels auf eine der Steinbänke.
Nach und nach kamen ein paar Leute zu uns. Unser Alter. Alle Anfang bis Ende Zwanzig. Alle super lieb und super aufgeschlossen.
Aus einem Bier wurden es dann doch mehr. Cesar, Edwin und Diego, drei der Jungs unserer Tour kamen auch irgendwann dazu und wir setzten uns vor die Pulperia, einer Art Spätkauf.
Wir lachten, tranken weiter. Nach einer Weile kam ein weiterer Typ dazu. Er grinste, als er auf uns zu kam. Leider konnte ich nicht verstehen, was er sagte, denn er sprach schnell und so bewandert war ich nun auch noch nicht in der spanischen Sprache!
Er sah Diego sehr ähnlich, hatte nur längere lockige schwarze Haare, größere Mandelaugen und sein Gesicht war markant. Oh Mann, er sah verdammt heiß aus! Jedenfalls dachte ich mir nur kurz, dass er ein wirklich verdammt hübscher Tico sei...

Zwei Tage später saßen wir wieder mit den Jungs im Park. Imperial war unser ständiger Begleiter. Cesar hatte sein Motorrad dabei und war gut gelaunt. Manchmal war ein eine regelrechte Zicke, als hätte er seine Tage, aber heute schien er wieder aufzudrehen :)
Jedenfalls kam irgendwann auch Bryan vorbei. Ich hatte ihn als relativ wortkarg vom letzten Mal in Erinnerung. Aber plötzlich begann er mit mir Englisch zu sprechen. Fließend. Ich saß auf der Lehne der Steinbank und zog an meiner Zigarette. Bryan setzte sich zu mir. Er hatte ein paar Semester Lehramt studiert und machte nun eine Pause, um zu Arbeiten und etwas Geld zu verdienen. Bryan saß dicht neben mir und er roch verdammt gut. Daran erinnere ich mich wie als wäre es heute gewesen!
Und dann fiel das Licht aus... Man konnte nichteinmal seine Hand vor Augen sehen, nur die glühenden Enden unserer Zigaretten funkelten in der Nacht auf.
Bryan packte mich an der Schulter und fragte, ob ich Angst habe. Ich lachte und schubste ihn ein wenig zur Seite.
Wir verstanden uns auf Anhieb gut.
Nach einer Weile beschlossen wir, wieder zur Pulperia zu laufen. Bryan verabschiedete sich und ging nach Hause. Vielleicht komme er wieder.
Und insgeheim hoffte ich das auch.
Wieder saßen wir auf dem Bordstein, ich liebte dieses Leben! Es war so einfach, so unbeschwert. Ganz anders, als in Berlin!

Und er kam wieder. Setzte sich sogar neben mich und als ich von allen Seiten hörte, wie hübsch ich doch sei, wurde ich ganz rot. An dem Abend bekam ich auch meinen Spitznamen "Bonita"... Hahaha, ich finde, es klingt wie ein Pferdename, aber "Schöne" ist mir dann doch zu passe gekommen. Ich war auch ein wenig stolz, weil Bryan es ebenfalls gehört hatte... Frauen sind manchmal so simpel. Jedenfalls zog er plötzlich von dannen... einfach so. Bestimmt, um einen zu rauchen. Im Nahhinein weiß ich, dass er einfach nur richtig stoned gewesen sein muss... hahahahha

Mein letzter Abend in Santa Barbara rückte näher. Ich war schon den ganzen Tag total niedergeschlagen und wehmütig, weil ich alle meine liebgewonnenen Leute hier lassen musste.
Wir trafen uns erst im Malibu und fuhren dann runter nach Santa Barbara, um uns mit den anderen zu treffen.
In Alex' BAr wurden wir schon erwartet. Und sie war total voll!! Alle meine Freunde waren gekommen und sogar Frenude von ihnen, die mich noch einmal kennenlernen und verabschieden wollten. Es war rührend!
Wir traten ein und ich erblickte ihn. Bryan.
Mein Herz fing an schneller zu schlagen, ich strich mir eine Strähne aus dem Geischt und lächelte ihn an. Nachdem ich alle begrüßt hatte, kam ich auf ihn zu, umarmte ihn und sagte, wie sehr ich mich freuen würde, dass er da sei.
"Ich konnte dich doch nicht gehen lassen, ohne mich zu verabschieden..."
Wir unterhielten uns quasi den ganzen Abend. Elise meinte irgendwann zu mir, dass er gar nciht von meiner Seite gewichen war.
Ich verlor mich in seinen Augen, in seinem Lächeln. Oh mein Gott, dieses Lächeln!!!!

Es war wie, als würde ich nochmal 16 sein. Bryan und ich liefen nach draußen und versteckten uns hinter einer Ecke. Ich hatte ihn wortlos an die Hand genommen und ihn in eine Ecke gezogen.
Ohne weitere Erklärungen kam ich einen Schritt näher, stellte mich auf meine Zehenspitzen und küsste ihn. Ganz sanft, ganz vorsichtig.
Dann sahen wir uns an.
Es lief wie in Zeitluoe ab. Er zog mich vorsichtig näher zu sich und küsste mich ein weiteres Mal. Länger, fordernder... Oh Mann...
Ich weiß nicht, wie lange wir in der Ecke der kleinen Seitenstraße standen. Jedenfalls mussten wir zu den anderen zurück.
Wir verabschiedeten uns von den anderen und Bryan blieb bei uns, bis wir ein Taxi nehmen konnten.
Wir standen dicht beieinander.
"Kommst du noch einmal zurück?", fragte er mich.
Und ich nickte.
Dass dieser Abend wie ein Brandmahl in meinem Kopf verankert sein würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Was ich wusste war, dass kleine Schmetterlinge in meinem Bauch Salsa tanzten, als er mich küsste. Und dass ich an ihn denken würde.
Das war mir schon in diesem Augenblick bewusst.
Ich wusste, dass unsere Geschichte noch nicht zu ende war.
Ein Tropfen Liebe ist mehr, als ein Ozean an Wille und Verstand.